Die Frage, was „Gesundheit“ oder „gesund sein“ eigentlich bedeutet, ist auf den ersten Blick leicht zu beantworten. Wenn wir uns aber etwas tiefer mit dieser Frage beschäftigen, wird klar: ganz so einfach ist es doch nicht. Die (Medizin-) Geschichte liefert uns mehr als eine Herangehensweise. Es wird deutlich, dass „Gesundheit“ keine klare Definiton hat und jeder Mensch die Frage, ob er/sie gesund ist, subjektiv beantworten wird. In diesem Artikel möchte ich dich auf eine kleine philosophische Reise zu deiner ganz persönlichen Antwort mitnehmen.
Gerade zu Beginn eines neuen Jahres sieht man sie überall: besondere Angebote von Fitnessstudios, Detox-Kuren, Sportkurse, Abnehmprogramme, etc. pp.
Wir hören den Menschen um uns herum (oder auch uns selbst) und ihren guten Vorsätzen für das neue Jahr zu: dieses Jahr mache ich mehr Sport, ernähre mich gesünder, nehme (endlich) ab!
Ich frage mich dann immer: Welcher Gedanke steht dahinter? Welches Gefühl?
Ist es wirklich die intrinsische Motivation, sich körperlich und mental besser, „gesünder“ fühlen zu wollen?
Oder – um mal einen etwas provokativen Gedanken zu nutzen – sind diese Vorsätze vielleicht eher eine Reaktion auf eine äußere, vielleicht auch gesellschaftliche Erwartung?
Was genau bedeutet eigentlich „Gesundheit“ oder „gesund sein“?
Wann fühlst DU dich gesund? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein?
Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit
In der Schulmedizin finden wir häufig den Ansatz der „Pathogenese“. Dieses Modell sucht nach den Faktoren, die Krankheiten entstehen lassen und strebt danach, diese zu vermeiden.
Diese Herangehensweise schlägt sich z. B. auch im Präventionsgedanken nieder:
Das Ziel von Präventionsangeboten ist meist, die Risikofaktoren für das Entstehen von Krankheiten zu mindern oder ganz zu vermeiden.
Typische Beispiele wären Formulierungen wie: „nicht rauchen, kein Fastfood, weniger rumsitzen, etc. pp. – weil: das kann Sie krankmachen!“
Damals im Studium, als wir die Präventionsprinzipien durchgenommen haben, erschien mir dieser Gedanke total normal, weil er mir bekannt war.
Immerhin komme ich als Physio auch meist (erst) dann ins Spiel, wenn schon Krankheiten und Diagnosen bestehen. Zu schauen, welche Faktoren „Schuld“ daran tragen und diese zu verringern oder sogar zu beseitigen, ist ein großer Teil meines Jobs.
Allerdings: schon damals war ich nicht so ganz glücklich mit dieser Anschauung. Sie war mir zu schwarz-weiß. Denn ich treffe immer wieder Menschen, die mit ihren (Krankheits-) Geschichten, die bei diesem Ansatz irgendwie verloren gehen.
Nehmen wir mich selbst als Beispiel. Schon als kleines Kind litt ich unter starker Neurodermitis (einem schmerzhaften, juckenden Hautekzem).
Nach dem Ansatz der Pathogenese bin ich damit chronisch, also dauerhaft, krank. Aber, ich fühlte mich, trotz meiner Neurodermitis, gesund! Steht das nicht im Widerspruch?
Zum Glück gibt es neben der Pathogenese heute auch andere, positivere Ansätze, sich dem Gesundheitsbegriff zu nähern:
Gesundheit im bio-psycho-sozialen Modell
Inzwischen wird bei der Beschreibung von „Gesundheit“ nicht mehr nur das körperliche Wohlbefinden, sondern auch die psychische und die soziale Ebene miteinbezogen.

Dass das Zusammenspiel aus allen drei Ebenen essenziell für unsere (erlebte) Gesundheit sind, kann ich aus meiner Praxiserfahrung nur bestätigen.
Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) und ihr Verständnis von Gesundheit
Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) z. B. definiert Gesundheit in ihrer Verfassung seit 1946 so:
„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“
1987 haben sie diese Definition aufgrund der Ottawa Charta nochmal weiterentwickelt: „Gesundheit ist die Fähigkeit und die Motivation, ein wirtschaftlich und sozial aktives Leben zu führen“.
Diese Grundsätze finden sich auch in dem, vom Sozialmediziner Aaron Antonovsky (1923-1994) entwickelten, Salutogenese-Modell.
Das Salutogenese-Modell nach Aaron Antonovsky
Laut seiner Definition bewegen wir uns ständig zwischen den Polen Gesundheit und Krankheit. Es ist also kein feststehender Zustand, sondern einer, der sich ständig verändert – je nach Lebenslage.
Wo zwischen diesen Polen wir uns befinden, hängt von dem Verhältnis zwischen Stressoren und Schutzfaktoren ab.
Stressoren sind hier die Risikofaktoren, die das Entstehen einer Krankheit begünstigen können – z. B. Dauerstress, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Drogen, fehlende soziale Unterstützung etc.
Als Schutzfaktoren gelten z. B. ein gutes soziales Umfeld, Entspannungsmethoden, gesunde Ernährung und Bewegung.
Zentral für den Gesundheitsbegriff nach dem Salutogenese-Modell ist das sog. Koheränzgefühl. Es beschreibt, wie ausgeprägt unser Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten ist, unser Leben zu bewältigen.
Je tiefer dieses Vertrauen in uns selbst geht, desto eher sind wir in der Lage, unsere innere Motivation und die uns eigenen Ressourcen zu mobilisieren, um uns einem Zustand der Gesundheit (wieder) anzunähern, ihn zu erhalten und Krankheit zu vermeiden.
Bernhard Badura und das Betriebliche Gesundheitsmanagement
In den letzten Jahrzehnten kam noch ein weiterer Denker dazu: der Soziologe und Gesundheitswissenschaftler Bernhard Badura (*1943). Vielleicht ist dir der Begriff „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ bekannt – er trägt maßgeblich zu dessen Entwicklung und den dahinterstehenden Ideen bei.
Angelehnt an die Definition der WHO (s.o.) implementiert er diesen Ansatz in Unternehmen. Es geht um bestärkende Mitarbeiterführung und den Erhalt der physischen und psychischen Gesundheit im konkreten Arbeitskontext.
Badura versteht Gesundheit hierbei als „nicht nur etwas objektiv Feststellbares, sondern auch etwas subjektiv Erlebtes“ und weiter als „eine Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung, durch die ein positives seelisches und körperliches Befinden – insbesondere ein positives Selbstwertgefühl – und ein unterstützendes Netzwerk sozialer Beziehungen erhalten oder wieder hergestellt wird“
Gesundheit ist sehr persönlich
„Gesundheit“ ist also nicht nur objektiv messbar, sondern wird vor allem subjektiv erlebt.
Wie viele Fälle kennst du, in denen medizinisch „nichts gefunden“ werden kann, die Menschen aber trotzdem unter Schmerzen und anderen Beschwerden leiden?
Und andersrum: wie viele Menschen kennst du, die zwar eine offizielle Diagnose haben, sich selbst aber als gesund bezeichnen?
Es gibt viele Faktoren die auf unser „Gesundheits-Konto“ einzahlen und andere, die eher unser „Krankheits-Konto“ füllen.
Ich möchte dich mit diesem Artikel einladen, dir einmal bewusst folgende Fragen zu stellen:
- Wann fühlst DU dich gesund?
- Was zahlt gerade auf dein persönliches „Gesundheitskonto“ ein und warum?
- Und welche Erwartungen – eigene oder fremde – beeinflussen dein Bild von Gesundheit?
Lass dich bei der Beantwortung dieser Fragen nicht von außen beeinflussen – tu dir den Gefallen und sei wirklich ehrlich zu dir selbst. 🙂
Quellen
https://www.tk-lex.tk.de/web/guest/externalcontent?_leongshared_serviceId=2009&_leongshared_externalcontentid=HI672844 (Zugriff am 07. Januar 2026)
https://www.dguv.de/medien/inhalt/praevention/themen_a_z/gesundheitsfoerderung/anlage_1.pdf (Zugriff 08. Januar 2026)
https://leitbegriffe.bioeg.de/alphabetisches-verzeichnis/wohlbefinden-well-being/#:~:text=Schlagworte&text=Die%20Weltgesundheitsorganisation%20WHO%20hat%201946,;%20Röhrle%20in%20Vorbereitung%202023). (Zugriff 08. Januar 2026)


1 Gedanke zu „Bin ich gesund?“
Liebe Carlotta,
danke für deine Gedanken und vielen Informationen zum Thema „Was bedeutet Gesundheit (für mich)“?
Ich denke dabei spontan an die Wand meiner alten Hausärztin im Hunsrück, da stand „Gesund ist, wer mit seinen Beeinträchtigungen leben kann.“
Dieser Satz hat meine Meinung zu meiner persönlich empfundenen Gesundheit in den letzten 20 Jahren geprägt.
Ich gehöre zu den Personen, die sich trotz vielfältiger, hauptsächlich orthopädischer Einschränkungen, als gesund betrachtet.
Liegt es an den nicht lebensbedrohlichen Diagnosen, die auch altersbedingte Ausprägungen haben, oder eher daran, dass der Satz optimistische Ansätze bereithält, auch in Richtung Dankbarkeit weist?
Von daher bin ich eindeutig der Meinung, dass Gesundsein nicht die Abwesenheit von Krankheit ist, sondern im Dreieck Körper-Psyche-Soziales Netzwerk stattfindet.
Und damit höchst individuell erkannt und gelebt werden muss.
Ich bin froh, mich in diesem Kontext gesund zu fühlen 😉
Dein Artikel hat übrigens auch in meiner Blase bereits heute zu einer angeregten Diskussion geführt, daher freue ich mich auf weitere Denkanstöße von dir.
In diesem Sinne viele Grüße
Gabi