Das Gehirn ist unsere Schaltzentrale. Von hier gehen Nerven in alle Bereiche unseres Körpers und übermitteln die Befehle an das ausführende Organ.
Bezüglich unserer Muskeln arbeitet das Gehirn anhand einer inneren „Landkarte“. Diese ist in Grundzügen schon bei der Geburt angelegt. Wie detailliert einzelne Bereiche des Körpers aber letztendlich ausgestaltet sind, hängt davon ab, wie viel Aufmerksamkeit wir diesen Bereichen schenken und wie bewusst wir sie trainieren – ein zentraler Baustein für gute Körperwahrnehmung.
Was das konkret bedeutet und wie du evtl. unterrepräsentierte Bereiche ausmachen und trainieren kannst, zeige ich dir in diesem Artikel.
Kurz und knapp
Deine Hände sind sensibler als dein Rücken. Das ist kein Zufall, sondern liegt an der Dichte und neuronalen Verknüpfung dieser Bereiche über mit dem Gehirn. Diese Verknüpfung lässt sich trainieren: Mit gezielter Aufmerksamkeit machst du aus wenig genutzten Nervenbahnen echte Datenautobahnen. Wie das funktioniert, erfährst du in diesem Artikel.
Der Homunkulus – das verzerrte Körperbild im Gehirn
Zuallererst stelle ich dir jemanden vor:

Lustiges Kerlchen, oder?
Was auf den ersten Blick unproportioniert und eher nach einem abstrakten Kunstobjekt aussieht, veranschaulicht, wie unser Körper sensorisch (Gefühl) bzw. motorisch (Bewegung) im Gehirn abgebildet ist.
Achtung: hier wird es jetzt etwas fachlicher – ein kleiner DeepDive, wie man so schön sagt.
Motorischer und sensorischer Kortex im Überblick

Das Bild zeigt das Gehirn in der Ansicht von oben (als würdest du von oben auf deinen Scheitel schauen). Markiert ist der präzentrale Kortex (gelb) und der postzentrale Kortex (blau).
Im präzentralen Kortex sind die motorischen Areale repräsentiert, im postzentralen die sensorischen.
Warum Hände und Gesicht so groß sind – und der Rücken so klein
Dabei entspricht die Größe des Areals NICHT der tatsächlichen (Körperteil-)Größe, sondern zeigt, wie viele Informationen das Gehirn aus den entsprechenden Teilen verarbeitet. Da also z. B. unsere Hände sowohl motorisch als auch sensorisch mit sehr vielen Nervenenden versorgt sind und damit viele Informationen aufnehmen, ist dieser Bereich im Gehirn entsprechend groß abgebildet. Die Hände sind dadurch perfekt für die Feinheiten – sowohl das feine Gefühl als auch die Feinmotorik. Aus diesem Grund sind die Hände des Homunkulus so groß dargestellt.
Dasselbe gilt auch z. B. für die Zunge, die Lippen und insgesamt den Kopf.
Andere (Körper-) Teile des Homunkulus sind dagegen vergleichsweise schmächtig gebaut – z. B. Rücken, Bauch und Beine.
Diese Bereiche sind nicht so reich an sensiblen bzw. motorischen Nervenenden. Die Informationen aus diesen Bereichen sind dadurch etwas „gröber“ bzw. nicht ganz so detailliert.
Teste es selbst: der Zwei-Punkte-Diskriminations-Test
Ein interessanter Test, um die Repräsentation der Nervenzellen zu überprüfen, ist der neurologische „Zwei-Punkt-Diskriminations-Test“:
Getestet wird die (Wahrnehmungs-)Fähigkeit, zwei Berührungsreize auf der Haut räumlich unterscheiden zu können. Du kannst diesen Test ganz einfach selbst machen:
Schnapp dir eine andere Person (sonst wird der Test verfälscht) und zwei spitze Gegenstände (Büroklammern, Bleistifte etc.).
Bitte die andere Person, die beiden Spitzen einzeln oder gemeinsam auf die Haut zu drücken (nicht stechen!). Sie soll dabei wechselnde Abstände nutzen (einen, fünf oder 10 Millimeter/Zentimeter).
Nimm mit geschlossenen Augen wahr, ob du auf Lippen, Fingerspitzen, Stirn, Rücken, usw. die unterschiedlichen Abstände wahrnimmst. Kannst du sagen, ob es eine oder zwei Spitzen sind? In welchen Bereichen ist es dir auch bei sehr kurzem Abstand noch möglich, ZWEI Punkte zu identifizieren?
Neuroplastizität – dein Gehirn passt sich an
Soweit zur Theorie. Was bedeutet das jetzt aber für die Praxis?
Der Homunkulus ist exemplarisch. Nicht bei allen Menschen hat er die gleichen Proportionen.
Denn: unser Nervensystem (v. a. das Gehirn) ist fähig zu lernen, sich zu verändern und so an (neue) Anforderungen anzupassen. Im Fachjargon nennt sich diese Fähigkeit „Neuroplastizität“.
Wenn wir uns vermehrt auf den einen oder anderen Teil unseres Körpers konzentrieren und ihn aktiv nutzen, verändert sich das Gehirn ein Stück weit aufgrund der empfangenden Reize und deren Verarbeitung.
Stell dir dein Nervensystem wie ein Straßen- bzw. Wegenetz vor.
Nervenbahnen, die du kaum nutzt, bleiben eher schmale Trampelpfade. Bereiche, die du gezielt trainierst, werden mit der Zeit zu gut ausgebauten Datenautobahnen.
Beispiel: Sehverlust und die Umverteilung im Gehirn
Nimm z. B. jemanden, der sein Augenlicht verloren hat. Bei diesem Menschen wird mit der Zeit der Bereich, der die Augen im Gehirn abbildet, kleiner werden. Hier werden kaum noch Reize aufgenommen. Der Bereich, der Nase und Ohren, Hände und Füße darstellt, wird dafür deutlich größer werden, da hier die hauptsächlichen Informationen zur Beurteilung der Umwelt eintreffen und verarbeitet werden.
In meiner Kölner Praxis erlebe ich häufig, dass in schmerzhaften bzw. problematischen Bereichen die sensorische Körperwahrnehmung oder die feine motorische Kontrolle nicht ideal funktioniert – manchmal auch beides.
Die gute Nachricht: beides kannst du aktiv trainieren.
Wie gezieltes, funktionelles Training solche Bereiche wieder trainieren kann, zeigt z. B. die Geschichte „Vom Knickfuß zum Triathlon“.
Übung: Spüre deinen Fuß
Nimm dir dafür jetzt gerne einen Moment Zeit.
Spüre in deinen rechten Fuß hinein (jedes andere Körperteil geht natürlich auch – die Füße können aber in vielen Fällen etwas mehr Aufmerksamkeit gebrauchen).
Wie fühlt er sich an? Spürst du den Druck unter der Fußsohle? Steckt er ggf. gerade in einem Schuh? Nimm die Grenzen wahr, wo dein Fuß anfängt und aufhört. Spüre jeden einzelnen Zeh, die Ferse, die Fußsohle.
Bring jetzt Bewegung rein: bewege deine Zehen, die Ferse (gerne auch unabhängig voneinander!), bring mal mehr Druck auf den Vorfuß, die Ferse, den rechten, den linken Fußrand.
Komm zur Ruhe und spüre nochmal: Nimmst du deinen Fuß jetzt deutlicher wahr, kannst vielleicht auch die „Einzelteile“ in deiner Wahrnehmung besser voneinander trennen?
Natürlich ist das nur eine kurze Momentaufnahme. Was ich damit verdeutlichen möchte ist, dass (körperliches) Training, in welcher Form auch immer, immer auch etwas mit unserem Gehirn macht – quasi „Gehirnjogging“.
Fazit: mach aus deinen Trampelpfaden Datenautobahnen
Je häufiger du deinen Körper in seinen Einzelteilen bewusst wahrnimmst und sie willentlich steuerst, desto detaillierter wird die innere Landkarte deines Gehirns. Genau das ist das Prinzip von propriozeptivem und sensomotorischem Training.
Also: Befreie doch mal deine Füße und nimm die verschiedenen Untergründe draußen und drinnen bewusst wahr. Wie viele Untergründe kannst du sammeln? Wenn du deinen Füßen dabei mehr Freiraum geben möchtest, lohnt sich ein Blick in meinen Artikel „Barfußschuhe – ja oder nein?“.
Und wenn du direkt weitere Übungen für mehr Körperwahrnehmung in deinen Füßen ausprobieren möchtest, findest du Ideen in „3 Basisübungen für bewusstere, aktivere Füße“.
Du würdest gerne mit mir persönlich arbeiten? Gerne! Vielleicht ist mein neuer Online-Präventionskurs „FokusFuß“ etwas für dich? Dort arbeiten wir genau an diesem Thema: der Verknüpfung von Kopf und Fuß.






